Roland Lötscher kämpft bis zum Schluss um den Titel. Am Ende fehlt im halber Punkt. Mit einem solchen Glanzresultat rechnete niemand – auch er selber nicht.
Der gebürtige Werthensteiner Roland Lötscher sorgte an den Schweizerischen Einzelmeisterschaften in Bern, die am vergangenen Samstag zu Ende gingen, für eine faustdicke Überraschung. Im geschlossenen Meister-Turnier mit zehn Teilnehmern kletterte er sensationell aufs Podium und beendete den Wettkampf auf Rang zwei. Seine Werte waren am Ende in allen Belangen überragend. Er blieb in den neun Partien ungeschlagen, erspielte sich fünf Remis – unter anderem gegen den späteren Sieger Yannick Pelletier – und gewann viermal. Lötscher besiegte mit der dreifachen Schachweltmeisterin Alexandra Kosteniuk und Vadim Milov, dem nominell stärksten Schweizer Spieler überhaupt, zwei Grossmeister und Titelfavoriten und zerstörte damit ihre Titelambitionen. Er und Pelletier waren die einzigen, die keine einzige Partie verloren.
„Habe nicht damit gerechnet“
Vor der letzten Runde lagen Lötscher und Pelletier sechs Punkten gleichauf an der Spitze. Erst dann machte Pelletier mit einem Sieg die Differenz, nachdem Lötscher gegen den Youngster Nico Georgidias remisierte.
Roland Lötscher, der Mitglied des Schachklubs Entlebuch ist und für die Schachgesellschaft Luzern in der Nationalliga A spielt, war lediglich die Nummer 6 in der Startrangliste. Er zählte nicht einmal zum erweiterten Favoritenkreis. „Natürlich habe ich nicht damit gerechnet“, sagte der 32-Jährige nach der letzten Runde. „Mein Ziel war ein Platz in der vorderen Tabellenhälfte.“ Bestenfalls habe er mit einem Podestplatz geliebäugelt. Schliesslich lief es noch besser.
„An Schachverständnis zugelegt.“
Eine Erklärung für den Erfolg hat Roland Lötscher. Er habe in den letzten Jahren mehr fürs Schach gemacht, sagt er. „Ich habe mir mit dem ukrainischen Grossmeister Aleksander Goloshchapov einen neuen Trainer zugelegt. Wir trainieren zwar nicht jede Woche, aber doch regelmässig zwei Stunden in der Woche zusammen über Skype.“ Er habe dadurch einiges mehr an Schachverständnis gewonnen. Zum ersten Mal gelang es ihm nun auch, das in die Praxis umzusetzen.
Dank des „Ausreissers nach oben“, wie in Lötscher bezeichnet, verbessert er auch seine persönliche Ratingzahl. Mit geschätzten 25.7 Punkten, die er hinzugewinnen wird, steigt seine Elo-Zahl auf 2445 – so hoch wie noch nie.
Grossmeister-Titel als Ziel
Mit diesem tollen Resultate holte sich der Entlebucher gleichzeitig seine erste Grossmeister-Norm. „Im Verlauf des Turniers musste ich schon ein wenig daran denken“, meinte er. „Eine Grossmeisternorm ist immer etwas ganz Spezielles.“ Sie war auch ein Grund, weshalb Roland Lötscher gegen Ende des Turniers das Risiko dosierte. Dies war auch in der zweitletzten Runde, als er „nur“ Unentschieden spielte, der Fall. Er habe zwar versuchte, auf Gewinn zu spielen und ein Remis-Angebot des Gegners zunächst noch abgelehnt, sagte Lötscher. Einige Züge später, als in der Stellung nicht mehr viel drin lag, bot er seinerseits an, den Punkt zu teilen. „Ich dachte mir, bevor ich es übertreibe, biete ich ein Remis an.“
Damit ihm einst der Grossmeistertitel – eines seiner grossen Ziele für die Zukunft – verliehen wird, muss Lötscher noch weitere Kriterien erfüllen. Er benötigt nebst zwei weiteren GM-Normen eine Elo-Zahl von 2500 Punkten. Erst Anfang des Jahres wurde Roland Lötscher der zweithöchste Titel im Schach, dem eines „Internationalen Meisters“, verliehen.
Roland Lötscher ist als „Akademischer Rat auf Zeit“ (wissenschaftlicher Mitarbeiter) am mathematischen Institut an der Ludwig-Maximilians-Universität in München in Forschung und Lehre im Bereiche der Algebra/Algebraischen Geometrie tätig. Sein Vertrag läuft dort noch zwei Jahre. Dass er in absehbarer Zeit wieder in die Schweiz zurückkehren könnte, will er nicht ausschliessen.
Bildlegenden: [Bilder zVg/Georg Kradolfer]
Schach SEM 2014 Loetscher-Milov: Roland Lötscher (links) siegte in der sechsten Runde gegen Vadim Milov, dem nominell stärksten Schweizer Schachspieler überhaupt.